Wir schreiben den 22.
Dezember 1992 und ich stehe als Kapitän auf der Brücke eines
Großseglers, der Brigantine “Morning Cloud“, die vor 12 Tagen Panama
verließ mit dem Ziel die Bahamas anzulaufen. Mit 5 Mann Besatzung und
11 zahlenden Gästen an Bord durchpflügt die „Morning Cloud“ die
westliche Karibik, angetrieben durch den stetigen Passat. Auf 16 Grad
Nord und 86 Grad West sichten wir an Steuerbord die Inseln Bay Islands
die zu Honduras gehören und durch ihre einmalige Lage, und wegen Ihres
gesunden Klimas hochgelobt werden. Und wohl eines der schönsten
Tauchgebiete der Welt!
Die Inseln haben auch den
Vorteil , daß die Landessprache englisch ist - im Gegensatz zu dem
Honduras auf dem Festland. Die Bevölkerung machte sich weltweit einen
guten
Namen durch ihr Geschick gute Schiffe mit dem vorhandenen
Edelholz zu bauen.
ein „Hurrican Hole“ läßt
uns sicher an der Pier liegen. ein seltener Platz in der westlichen
Karibik. Und hier finde ich CORADINA. Ihre zwei Masten ragen
anscheinend endlos in den Himmel, aber sie sieht ungepflegt, fast wie
ein Wrack aus. Drei Tage schleiche ich um die Yacht (Jacht) herum, tauche innen
wie außen herum und bin fasziniert von ihren Linien. Solch ein
Schiff findet man nicht oft. Man sieht ihr das Potential von
Seesicherheit und Schnelligkeit an. Der ranke Rumpf läßt erahnen, daß
sie ohne Krängung gute Höhe laufen und weich einsetzen wird.
ein Jahr später: Als
Sachverständiger werde ich zu den Bay Islands beordert einen dort
liegenden Gaffelschoner zu begehen und im Auftrage des amerikanischen
Eigners ein Gutachten anzufertigen inwieweit das Schiff reperaturfähig
ist und mit welchen Kosten bis zur Inbetriebnahme gerechnet werden
müssen.
Es ist CORADINA. Wieder bin ich angetan von Ihren edlen Linien - eine
hohe Kunst des Schiffsbaus liegt vor mir.
Das Gutachten lautet:
“Reparabel, Schätzpreis €
1,7 Mio., Bauzeit 20 Monate, Investitionsvolumen e 5,8 Mio. Der Eigner;
Herr Bermeister, ist verstorben und sein Universalerbe und Neffe will
das Schiff nicht mehr.
Ich finde eine handteller
große Bronzeplatte mit der Aufschrift: Johannes Schlichting Yacht (Jacht)- u.
Bootswerft Travemünde. Bau No 1207, Baujahr 1951/52, also eine Deutsche
Yacht (Jacht), verschlagen in die westliche Karibik ??
v
Ich unterschreibe den
Kaufvertrag. Aber ich kenne ihre Vergangenheit nicht. Und diese
recherchiere ich in den folgenden 2 Jahren. Als Kapitän auf dem 80.000t
Frachter „CONCIERGE“ reise ich von Miami nach Italien und die Telefone
glühen, der Funker kommt nicht zur Ruhe, denn ich habe mich auf die
Spur gesetzt, die Vergangenheit des Gaffelschoners CORADINA
herauszufinden. Die Schlichting Werft existiert nicht mehr, ihre
Archive wurden im ganzen Land verteilt.
Es soll noch 1,5 Jahre
dauern bis ich in den alten Schiffsarchiven in Kiel - in Leder
eingebunden, Ausgaben des damals wohl wichtigsten Deutschen
Schiffmagazins „HANSA - Schifffahrt - Schiffbau - Hafen“
die Baubeschreibung CORADINA s finde.
Hier ist etwas besonderes
passiert, denn CORADINA führt immer noch ihren ersten Namen. Ihre
Voreigner müssen erkannt haben das CORADINA etwas ganz besonderes unter
den vergleichbaren Yachten ist. Ich lerne den Konstrukteur, Herrn Kurt
Oehlmann und seinen Sohn kennen.
Viele , viele Gespräche
mit Schiffsbauern schließen sich an. Ich treffe Herren, die sich noch
gut und gründlich an den Bau der CORADINA erinnern können. Von dem
Konstrukteur höre ich zum wiederholten Male, daß er den Auftrag
CORADINA zu bauen , als den schönsten seines Lebens fand. Ihr damaliger
Eigner segelte mit ihr um die Welt bis sie an den amerikanischen Eigner
1975 verkauft wurde. Dann trat dieser Eigner ebenfalls eine
Weltumseglung an. November 1992: CORADINA liegt noch immer am gleichen
Platz auf den Bay Islands in Honduras - aber auf Hellig. Ihr Rumpf ist
in exzellentem Zustand und es wird täglich an ihr gearbeitet.
Bewaffnete Wächter sorgen für die Sicherheit.
Selbst der Werftbesitzer
hat sich in CORADINA verguckt, was sich durch die erhebliche
zusätzliche kostenlose Hilfe und dem niedrigen Preis für den Liegeplatz
zeigt. In den folgenden Monaten und Jahren führe ich viele Gespräche
mit Schiffsbauingenieuren, Lieferanten von Schiffszubehör, besuche jede
Messe weltweit und knüpfe Beziehungen, um CORADINA wieder herzustellen.
Es ist guter Brauch, kulturelle Werte zu erhalten und
CORADINA ist eine NAUTIQUITÄT im Orginal.
Masten, Segel und stehendes Gut wurde mir von einem großem Mastenbauer
zu einem erschwinglichen Preis angeboten, viele helfende Hände stellen
sich ohne Entgelt zur Verfügung, der Bauleiter vor Ort ist als
Schiffbauingenieur eine gute Entlohnung gewöhnt - für CORADINA arbeitet
er zum Selbstkostenpreis.
Viele Einkäufe könnte ich durch „Gewußt Wo und Wie ?“ für einen
Bruchteil der „Katalogpreise“ bekommen.
Ich weiß , daß CORADINA
eines Tages die Schwingen ihrer acht Segel entfalten und mit
unvergleichlicher Anmut und Schönheit die Weltmeere durchpflügen wird.
Ich hoffe, daß sich dann alle an Bord großer Lebensfreude erfreuen,
aber auch mit tiefem Respekt vor der fast ausgestorbenen Kunst der
Schiffsbauer und der besonderen Lebensqualität, die sie erleben dürfen,
bewußt sind.
Dirk Hansen
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